Lokales

„Alles ist besser als nichts“

Freitag, 16. April 2021 - 09:00 Uhr

von Claudia Hieby

Foto: SYSTEM

Sozialpädagoge Sebastian Schramm wünscht sich, dass der Kinder- und Jugendtreff nicht wieder komplett schließen muss. Foto: hie

Heiden (hie). „Wir haben wieder auf!“ Sebastian Schramm ist euphorisch. Der Sozialpädagoge leitet den Kinder- und Jugendtreff in Heiden „Ludgerus Castle“ und durfte in dieser Woche endlich wieder für „seine“ Kinder und Jugendlichen da sein. Von Montag bis Donnerstag konnten pro Tag jeweils zwei Fünfergruppen – um 14 und um 16 Uhr – für je zwei Stunden in den Treff kommen. „Besser als nichts“, findet Schramm. Er hat nichts dagegen, erst einmal wieder klein anzufangen und vielleicht in einem nächsten Schritt drei Gruppen pro Tag zuzulassen. Seine Beobachtung: Alle Kinder und Jugendlichen, die in der letzten Woche da waren, hatten großen Redebedarf. Man merke ihnen an, dass die Corona-Situation mit „immer-Zuhause- sein, kaum Kontakte und wenig Austausch haben“ sie belaste. „Die negativen Folgen wird man wahrscheinlich erst in einigen Jahren deutlich spüren,“ so der Pädagoge. Allen habe es gut getan, mal wieder aus den eigenen vier Wänden herauszukommen.

Die Arbeit von Sebastian Schramm ist durch Corona sehr viel schwieriger geworden. Der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen ist im Lockdown abgerissen, auch wenn er versucht hat, bei Gesprächen „über den Gartenzaun“ in Kontakt zu bleiben. Doch solche „Sozialraumarbeit“ ersetzt nicht den freien Austausch und das lockere Gespräch, das sonst im Ludgerus Castle möglich ist. Hier können die Kinder und Jugendlichen in normalen Zeiten ihre Probleme loswerden, sich mit dem Sozialpädagogen besprechen, sich Rat und Hilfe holen. Oder auch lernen, ihre Konflikte mit anderen selber auszutragen und ohne Reglementierung eine für sich gute Lösung zu finden.

Die Auseinandersetzung mit jungen Menschen hat Sebastian Schramm schon als Schwimmtrainer beim Adler Weseke und als Betreuer bei zahlreichen Ferienlagern Spaß gemacht. Trotzdem hat er nach dem Hauptschulabschluss zunächst etwas ganz anderes gemacht: eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker. Danach ging es für fast sieben Jahre zur Bundeswehr und erst dann ans Berufskolleg nach Borken, um das Abitur nachzuholen. Es folgte das Studium in Münster und ein Praxissemester an der Sekundarschule Velen Ramsdorf.

In Heiden ist der Sozialpädagoge seit August 2019 als Leiter des Ludgerus Castle tätig. „Durch mein Jahr an der Sekundarschule Velen Ramsdorf kannte ich schon viele Kinder aus Heiden“, erzählt Schramm. „Das hat mir den Einstieg hier sehr leicht gemacht.“ Ihm ist es wichtig, eine verlässliche, kontinuierliche und konsequente Anlaufstelle in Heiden zu sein.

Durch seine Biographie ergeben sich für Sebastian Schramm viele Anknüpfungspunkt, um mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Viele fragen zum Beispiel nach der Bedeutung seiner Tätowierungen, die er seit der Bundeswehrzeit hat. Kleinere Besucher zeigen ihm dann beim nächsten Mal stolz ihre Klebe- Tattoos. Auch die Frage „Was, Du warst früher auf der Hauptschule?“ wird Sebastian Schramm oft ungläubig gestellt – und ist ein guter Einstieg in ein Gespräch über Schule, Ausbildung und Zukunftschancen. „Meine Biographie ist ziemlich bunt“, sagt Schramm lächelnd. „Und sie zeigt: Alles ist möglich. Ich habe immer sehr viel Anerkennung dafür bekommen, dass ich so viel gemacht und abgeschlossen habe.“ Das kommt bei den Jugendlichen gut an und tröstet auch diejenigen, die noch nicht so recht wissen, wie es nach der Schule weitergehen kann.

Wie es mit den Öffnungszeiten des Ludgerus Castle in den nächsten Wochen weitergeht, kann Sebastian Schramm zurzeit nicht vorhersagen. Seine große Hoffnung: „Dass wir nicht wieder komplett schließen müssen. Alles andere ist besser als nichts!“