Lokales

„Den Kontakt nicht abreißen lassen“

Freitag, 12. Februar 2021 - 10:00 Uhr

von Claudia Hieby

Foto: SYSTEM

Ein Foto aus dem Archiv: Der Chor Pro C-Dur bei einem seiner letzten Auftritte.

Kreis Borken (hie). Singen macht glücklich und ist gesund: Das ist wissenschaftlich bewiesen und zeigt sich auch in der Vielzahl der Sängerinnen und Sänger, die in Chören in der Region aktiv sind und sich „normalerweise“ wöchentlich zu gemeinsamen Proben und regelmäßigen Auftritten treffen. Doch Präsenzproben sind schon lange nicht mehr möglich – und die Sehnsucht nach dem gemeinschaftlichen Glücksgefühl ist groß. Deshalb wird in vielen Chören jetzt digital geprobt. Der Stadtanzeiger hat sich umgehört und vier Chorleiter aus der Region gefragt, wie es den Chören zurzeit geht: Sabine Reese-Blumentrath vom Chor Atemlos, Heike Schollmeyer vom Musikschulchor Vocal Total, Chris Paus von Pro C-Dur und Udo Hotten, der die Chöre Sound & Soul, Saint Paul’s Inspiration und Nice 2 Hear leitet.

Die gute Nachricht ist: Überall wird digital gesungen. Die schlechte ist: Nicht alle Chormitglieder machen mit. Weil sie über das Internet nicht oder nur schlecht erreichbar sind, sowieso schon den ganzen Tag am heimischen Computer sitzen und abends dazu keine Lust mehr haben, oder sich schwer tun, alleine vor dem Computer zu singen.

Wie kann Chorsingen trotzdem funktionieren? Das ist auf jeden Fall eine herausfordernde Aufgabe für die Chorleiterinnen und Chorleiter. Viele rufen ihre Chormitglieder regelmäßig an, schreiben Rundmails oder „locken“ mit besonderen Aktionen ins Digitale. So hat Udo Hotten vor Weihnachten mit jedem seiner Chöre ein Screen Split-Video erstellt (zu sehen auf seinem YouTube-Kanal). Jeder Sänger und jede Sängerin hat dazu zuhause ein Video von sich gemacht. Pünktlich zu Weihnachten wurde ein Gesamtvideo fertig – und die Chormitglieder konnten es stolz als Weihnachtsgruß an ihre Verwandten und Bekannten senden. Sabine Reese-Blumentrath zum Beispiel hat mit ihrem Chor eine Weihnachtsfeier per Zoom mit „Open Stage“ gefeiert. Es wurde einfach online gesungen, gedichtet, gelacht und geplaudert. Ähnliches gab es auch bei Pro C-Dur. „Den Kontakt nicht abreißen lassen“ – das ist für alle wichtig.

Inhaltlich weichen die meisten Chöre inzwischen von „normalen“ Chorproben ab. „Ich bereite nicht mehr gezielt das nächste Konzertprogramm vor, sondern ich stelle abwechslungsreiche, kleine Lieder und Kanons zusammen, die einfach Spaß machen und die Stimme fit halten“, sagt Heike Schollmeyer. Das fördere nebenbei auch die Selbstständigkeit der Chormitglieder, da man sich zuhause nicht an die Nebenfrau oder den Nebenmann „dranhängen“ könne.

„Digitale Proben sind keine Alternative zu den Präsenzproben – aber immer noch besser als nicht zu proben“, sagt Chris Paus. Er nutzt die Gelegenheit, mit seinem Chor digital an Themen zu arbeiten, die im gewohnten Probenalltag oft zu kurz kommen: Rhythmus, Stimmbildung und auch Musiktheorie stehen regelmäßig auf dem Programm. Parallel werden Stücke aus dem Repertoire mit Hilfe alter Aufnahmen wiederholt und gefestigt. Auch Sabine Reese-Blumentrath macht sich viele Gedanken, wie sie ihren Chor für das digitale Singen begeistern kann: Sie lockert ihre zweistündigen Zoom-Proben mit abwechslungsreichen Stimmbildungs-Übungen auf, ist ständig auf der Suche nach neuen Stücken, die man auch von zuhause bewältigen kann und verschickt Mitschnitte und „Teach Me Tracks“.

Um beim Einstudieren von Liedern ein mehrstimmiges Endergebnis hören zu können, arbeitet Udo Hotten mit einer Loopstation und auch mit einem Aufnahmeprogramm, mit dem er während des Übens die Einzelstimmen mitschneiden kann. Anschließend mischt er verschiedene Stimmen zusammen und erstellt daraus Übedateien für Zuhause. Zum Einsatz kommen auch Videos von vergangenen Konzerten, und zwischendurch gibt es manchmal sogar ein Quiz. „Das Wichtigste ist, dass sich alle wiedersehen und zwischendurch auch mal wieder unterhalten können“, so Hotten.

Für ihre Sängerinnen und Sänger haben die Profis zusätzlich einige Tipps parat: Wer seine Stimme weiterhin in Form halten möchte, könne zum Beispiel bei YouTube zahlreiche Stimmbildungs-Tutorials finden. „Man könnte auch überlegen, Einzelstimmbildung-Unterricht zu nehmen“, schlägt Heike Schollmeyer vor. Und Udo Hotten verweist auf zahlreiche YouTube-Tutorials, in denen die Nutzung von Zoom und das Erstellen von Videos erklärt werden. „Es muss ja nicht alles der Chorleiter alleine machen“, meint er.

Trotz aller digitalen Versuche als Chöre gut durch die Corona-Zeit zu kommen: Alle warten darauf, dass es endlich wieder mit echten Proben und Auftritten losgehen darf. Bis dahin wünscht sich Sabine Reese-Blumentrath mehr Austausch unter den Kollegen: Um sich gegenseitig zu stärken und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Denn Singen soll auch in Zukunft glücklich machen.