Lokales

Münze rein, Musik raus

Freitag, 30. April 2021 - 10:00 Uhr

von Karin Printing

Foto: Karin Printing

Ein Leben ohne Jukeboxen kann sich Rainer Hogefeld nicht vorstellen. So steht in seinem Haus unter anderem diese Seeburg Modell V mit einem Volumen von 100 Single-Platten, also 200 verschiedenen Titeln.Fotos: Printing

Vardingholt: Münze einwerfen, dann Tastenkombination drücken: B2, C5 und DZ. Oder – ganz nach Geschmack – eben andere. Momente später ertönt der Sound der gewählten Titel. Bei Rainer Hogefeld funktioniert das bei den Geräten genauso: Der Vardingholter ist Restaurator und leidenschaftlicher Sammler von Jukeboxen.

Eine Jukebox ist dabei eine scheinbar anrüchige Sache. Denn der englische Begriff bedeutet „Kasten in einer Spelunke“. Da trifft die deutsche Bezeichnung „Musikbox“ das Gerät und seine Funktion schon eher. Der Musik spielende Kasten.

Die bunten Unterhaltungsgeräte haben an ihren eigentlichen Wirkungsstätten in Gaststäten, Eisdielen oder Vereinsheimen ihre große Zeit zwar längst hinter sich, doch faszinieren sie in ihrer Vielfalt von Gestaltungen bis heute und sind – ob mit Cadillac-Chrom-Heckflügeln oder umlaufenden Wasserblasen – ein nostalgischer Blickfang geblieben. Denn: Musikboxen sind für Liebhaber mehr als veraltete Technik. Antike Jukeboxen mit ihren üppig geschwungenen Körpern, den verchromten Glasscheiben und leuchtenden Plastikpilastern strahlen auch heute noch eine einzigartige Faszination aus. Sie sind mehr als nur schlichte Musikautomaten, sie sind Botschafter unbändiger Lebensfreude und einer besonderen Kneipenkultur, die insbesondere die 50er und 60er Jahren der Bundesrepublik prägte. Kein Wunder, sorgten sie doch damals im wortwörtlichen Sinne für Licht und Stimmung in einer überaus trüben Zeit.

Moderne Musikanlagen und das Computerzeitalter haben die Musikbox verdrängt, die Musik in jeder noch so kleinen Kneipe kommt jetzt aus dem Laptop. Jukeboxen sind nur noch auf Fotos erhalten – fast nur noch.

Heute interessieren sich nur noch Liebhaber für die Musikboxen. „Das allerdings sind nicht wenige“, sagt Rainer Hogefeld. Und der 55-Jährige muss es wissen.

Der gelernte Schreiner beschäftigt sich seit 35 Jahren mit historischen Musikboxen und gilt innerhalb der Szene als anerkannter Fachmann für Restaurierungen. Bis zu 60 alte Geräte gehen jedes Jahr durch seine Werkstatt, werden hier technisch und vor allem optisch wieder voll hergestellt. Neben den amerikanischen Klassikern aus den 40er und 50er Jahren kauft er dabei vor allem die 70er Jahre-Boxen. „Die werden heute in größeren Stückzahlen verkauft, weil sie von Haus aus etwas niedriger im Preis liegen und meist nur gesäubert werden müssen“, erklärt Hogefeld. Während hier Preise von rund 1000 Euro üblich seien, lägen die Klassiker deutlich höher. Defekte Musikboxen dieser Art kosten schnell 5000 Euro im Einkauf, komplett restauriert pendeln sie sich im Verkauf bei 7000 Euro und mehr ein - je nach Alter und Modell.

Das Ziel jeder Restauration sei, das Gerät natürlich möglichst nah an den Originalzustand heranzubringen, sagt Hogefeld, der sich an der Akademie des Handwerks in Raesfeld das notwendige Knowhow angeeignet hat, um als staatlich geprüfter Restaurator im Handwerk arbeiten zu können. Dabei sei der Zustand, in dem so ein Gerät aufgekauft werde, nicht selten „abenteuerlich“ zu nennen.

Mit 19 Jahren kaufte sich der Vardingholter seine erste Jukebox. Gleich nach dem ersten Auto, das er immer noch hat. Und natürlich stehen auch heute noch in seiner Wohnung neben Biedermeiermöbeln und einigen historischen Lautsprechern diverse Jukeboxen. Denn: Ein Leben ohne Musikbox kann sich der Vardingholter schon lange nicht mehr vorstellen. „Wegen Platzmangels konnte ich einmal ein Jahr lang keine Jukebox aufstellen. Das war eine ganz harte Zeit!“

Foto: Karin Printing

Rund 50 bis 60 Jukeboxen restauriert Hogefeld pro Jahr.

Foto: Karin Printing

Diese Wurlizter ist ein Hingucker in der Wohnung.