Niederlande

Ökologisch, nachhaltig, robust

Freitag, 22. Juli 2022 - 09:00 Uhr

von Claudia Hieby

Foto: SYSTEM

Anja Roerdink am Spinnrad: Aus den Flachsfasern wird Garn gesponnen.

Winterswijk/NL. Bis weit in das 18. Jahrhundert war Flachs die wichtigste Pflanzenfaser und neben Wolle der Textilrohstoff schlechthin. Auch in den Außenbezirken von Winterswijk wurde Flachs angebaut, und fast jeder Hof hatte sein eigenes kleines Flachsfeld. Es lieferte die für die häusliche Leinenherstellung unverzichtbaren Fasern, aber auch Leinöl, das aus den Samen gewonnen wurde. Durch den Siegeszug der Baumwolle geriet der Anbau und die Verarbeitung von Flachs in der Region jedoch fast in Vergessenheit.

Seit einigen Jahren erleben Leinenstoffe aber ein Revival und auch der „Abfall“ wird wiederentdeckt: Als ökologischer Grundstoff von Leichtbauplatten, als Zuschlagstoff von Blumenerden oder als Tiereinstreu. Jeder Teil wird genützt und sinnvoll eingesetzt. „Flachs ist um ein vielfaches ökologischer, nachhaltiger und umweltschonender als der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle“, sagt Anja Roerdink.. Um das Wissen um den Flachs und seine Verarbeitung lebendig zu halten präsentieren die „Achterhoekse Vlasspinners“, zu denen sie gehört, seit einigen Jahren ihr Wissen auf Veranstaltungen. Schon drei Mal haben sie im Frühjahr die  Kampagne „Bauen Sie Ihren eigenen Quadratmeter Flachs wieder auf!“ gestartet und dabei Samen für jeweils einen Quadratmeter Flachs verschenkt. „Gesät wird traditionell am hundertsten Tag eines Jahres“, erklärt Anja Roerdink. Und geerntet, je nach Witterung, rund 100 Tage später. Dann beginnt die mühsame Weiterverarbeitung bis zum Spinnen und Färben und dem anschließenden Weben. Vieles davon hat Anja Roerdink sich selbst beigebracht. „Angefangen hat alles vor über 20 Jahren mit Wolle und dem Wunsch herauszufinden, wie das mit dem Spinnen und Färben funktioniert“, erzählt sie. Zu ihrem Haushalt gehören drei Ryeland-Schafe, deren Wolle besonders hochwertig ist. Und im üppigen Garten finden sich Pflanzen wie Krapp und Indigo, mit denen Wolle – und auch Leinen – von Hand gefärbt werden können.

Mit der Lust am Experimentieren und Ausprobieren hat sich bei Anja Roedink viel Wissen angesammelt, das sie gerne mit anderen teilt. Bei den „Achterhoekse Vlasspinners“ oder als Mitglied der Strick- und Spinngruppe, die sich immer dienstags im Heimathaus Burlo trifft.

Etwas ganz Besonderes ist der alte Flachsofen, der vor wenigen Monaten in Winterswijk Woold von einer Initiative wieder aufgebaut wurde. Er stammt aus dem Jahr 1825 und war bis etwa 1890 in Betrieb, um das Flachsstroh zu trocknen. Auf einer Informationstafel wird auf niederländisch und deutsch die Geschichte des Flachsofens erklärt und regelmäßig sind auch Vorführungen zu den Themen „So funktioniert der Flachsofen“ oder „Der Produktionsprozess vom Flachs zum Leinen“ geplant. Die nächsten Termine sind die Samstage 23. Juli und 13. August.

Weitere Infos unter www.vlasoventeveene.nl/

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Anschauungsmaterial zum Thema Flachs.

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Der Flachsofen am Veenweg 1 in Winterswijk Woold wurde Ende Mai eingeweiht. Fotos: hie