Lokales

Plötzlich in einer Parallelwelt

Freitag, 3. Juni 2022 - 10:00 Uhr

von Claudia Hieby

Foto: SYSTEM

Anne Nieland hat die Akuttherapie ihrer Brust-krebserkrankung überstanden. Foto: R. Meyer

Borken (rm). „Der Gewinn“ lautet der Titel des Buches von Anne Nieland. Absolut ehrlich schreibt die Borkenerin hier über ihren persönlichen Umgang mit ihrer Diagnose Brustkrebs. Wie kann eine lebensbedrohliche Krebserkrankung ein Gewinn sein? Der Titel provoziert, beinhaltet aber gleichzeitig etwas positives. Für Anne Nieland ist eine Krebsdiagnose kein Tabuthema, sie wünscht sich mehr Offenheit, möchte mit ihrem Buch Mut machen und zeigen, dass man es auch schaffen kann. Im Gespräch hat die 37-Jährige über ihre Ängste und Hoffnungen erzählt, über Parallelwelten, Kampfmodus und Superheldinnen, über Rückschläge und Glücksmomente, Alltag, Corona, Familie und Freunde und wie sie die schwere Zeit bewältigt hat.

Es war ein Tag im Sommer 2020. „Ich stand unter der Dusche, als ich plötzlich ein ungewöhnliches Stechen in der linken Brust bemerkte. Ich ertastete einen Knoten und dachte sofort, der gehört da nicht hin“, erzählt Anne Nieland. Sie hatte Angst und suchte am folgenden Tag sofort die gynäkologische Notfallsprechstunde auf. „Dort zu sitzen, schwangere Frauen zu sehen die freudig ihr Baby erwarteten und ich mit einem Knoten in der Brust war ein schlimmes Gefühl.“ Drei Tage später erhielt sie die Diagnose bösartiger Brustkrebs. „Meine erste Reaktion waren Panik, Tränen, Gedanken an meinen Mann und unsere drei kleinen Kinder- wie ist das zu schaffen? Und dazu Corona. Als ich mit meinem Mann telefonierte, konnte ich seine große Angst spüren. Da wusste ich, dass ich kämpfen musste. Ich nahm mein Rad, fuhr los und habe erst einmal endlos geweint. Ich fühlte mich plötzlich wie in einer Parallelwelt.“ Dann habe sie ihren „Kampfmodus“ eingeschaltet und ihr „Superheldinnenkostüm“ angezogen.

Ein Bild, das auf humorvolle Art Kraft gibt. Und bildlich habe sie auch mit ihren Kindern über ihre Krankheit gesprochen. „Ich habe dem Krebs einen Namen gegeben: Walta, ein kleines, fieses, buntes Monster in der Brust. Bunt, um das ganze Programm samt Chemotherapie zu verbildlichen. Wir haben zusammen Geschichten erfunden, die Kinder haben Fragen gestellt und über meinen kahlen Kopf gestreichelt. Sie haben auch gemalt, zum Beispiel Walta mit einer Taschenlampe , damit er aus der Brust heraus findet.“

Das Leben verlief zwischen Homeschooling, Homeoffice, Haushalt und Chemotherapie, Operationen, dazu Kontaktbeschränkungen und Arztbesuche, die sie alleine durchstehen musste. Das sei sehr viel auf einmal gewesen, doch sie habe versucht, den Alltag für die Kinder und die Familie aufrechtzuerhalten und zu funktionieren. Ihr Mann habe sie sehr unterstützt. Als weitere Behandlung wurde die linke Brust abgenommen, später prophylaktisch die rechte, und beide durch eigenes Gewebe wieder aufgebaut.

Aufgrund der Coronazeit musste Nieland viele Gedanken und Gefühle mit sich alleine ausmachen. Statt persönlich in Selbsthilfegruppen, tauschte sie sich auf digitalen Plattformen mit anderen betroffenen Frauen aus. „Hier muss sich niemand erklären, alle sind gleich betroffen.“

Natürlich gab es auch kleine Glücksmomente: den Kindern beim Spielen zusehen, eine liebevolle Umarmung, ein Lächeln, der Geburtstag der Kinder, gemeinsame Spaziergänge, ein selbstgemachter Salat der Freundin vor der Haustür oder Motivationslieder, die das Frauen-Ensemble, in dem Nieland singt, zu jeder Chemotherapie für sie aufgenommen hat.

„Chemotherapie, Operationen, Arztbesuche - das waren meine lebenswichtigen Aufgaben in dieser Zeit. Gleichzeitig merkte ich, wie hilflos sich meine Familie und meine Freunde mir gegenüber fühlten. Sie erhielten keine Unterstützung wie ich. Ich überlegte mir, sie einzubinden, ihnen Aufgaben zu geben, damit sie leichter mit der Situation umgehen können und sich gut fühlen. Mein Mann kümmerte sich vermehrt um die Kinder, mein Vater fuhr mich zu den Chemotherapien, meine Mutter kochte, Freunde gingen mit mir spazieren.“

Scheu und Hilflosigkeit fühlen viele Menschen Schwerkranken gegenüber. Nieland rät, sie einfach zu fragen: Was brauchst du? Was kann ich dir Gutes tun? „Mit diesen Fragen können beide Seiten etwas anfangen.“ Als Betroffener wünscht man sich, nicht ausgeschlossen zu werden. Wobei auch jeder auf seine Art die Krankheit verarbeitet. Ihre Gedanken niederzuschreiben war für Anne Nieland ihre Therapie. Zunächst schrieb sie nur für sich, um den Kopf frei zu bekommen. Das Schreiben habe ihr geholfen, warum nicht auch anderen davon erzählen und ihnen damit Mut machen, dachte sie. Entstanden sei ein ehrliches, persönliches Buch, nichts werde schön geredet.

Und ihr Gewinn? “Eine andere Sichtweise auf das Leben: Nicht perfekt sein zu müssen, es nicht allen recht machen zu müssen, sich nicht zu verstellen, Prioritäten zu setzen.“

Jetzt, wo Anne Nieland den Krebs überwunden hat, ist für sie nicht alles erledigt. „Die Unbeschwertheit und Leichtigkeit im Leben ist weg. Ich befinde mich in einer Habachtstellung. Jeder Kontrolltermin wirkt wie ein TÜV-Stempel für die nächsten drei Monate.“

Ihr Buch „Der Gewinn“ ist im BZ-Ticket Center vorrätig oder im Buchhandel zu bestellen. Preis:16,99 Euro. Einen Euro pro Buch spendet Nieland an eine Kinderkrebsorganisation.