Lokales

Sitzen gegen den Klimawandel

Freitag, 21. Mai 2021 - 10:00 Uhr

von Karin Printing

Foto: Karin Printing

Legte für kurze Zeit mit seiner Einzelsitzblockade den Verkehr lahm: Lukas Schnermann. .Fotos: Printing

Borken (kp). Sterbende Wälder, vermüllte Ozeane, steigende Temperaturen und massenhaftes Artensterben – Lukas Schnermann blickt sorgenvoll in die Zukunft: „Ich habe Angst, dass ich hungern muss aufgrund der Klimakrise,“ steht auf dem Plakat, das sich der Aktivist um den Hals gehängt hat. So sitzt er am vergangenen Wochenende im Kreisel am Kuhmcenter in Borken, ganz alleine – und die Autos stauen sich vor ihm.

Schnermann ist Mitglied der Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ (XR), die immer wieder mit Mitteln des zivilen Ungehorsams für Aufmerksamkeit sorgt. Am letzten Samstag eben auch in Borken auf dem Kreisel. „Ich sitze hier, um meine Mitbürger mit der Klimakatastrophe zu konfrontieren. Denn um tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen, brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte,“ erklärt der gebürtige Velener die Hintergründe der Aktion. Und ergänzt: „Bei der Aktion geht es uns nicht darum, Autofahrer zu verärgern, sondern generell um Störung. Wir wollen das Alltagsleben stören und die Aufmerksamkeit auf ein Problem lenken, das sonst sehr leicht ignoriert wird: die ökologische Krise. Alle wissenschaftlichen Fakten deuten auf eine Katastrophe hin – und zwar nicht irgendwann in der Zukunft, wir befinden uns schon mittendrin.“

„Rebellion of One“, also „Rebellion des Einzelnen“, nennt die Gruppe diese neue, corona-konforme Form des Protests: Dabei demonstrieren die Mitglieder alleine und doch zusammen – am Samstag gab es bundesweit 200 solcher Einzel-Sitzblockaden.

In erster Linie gehe es bei den „Ein-Mensch-Blockaden“ nicht um die Behinderung des Verkehrs, sondern darum, mit Passanten in Dialog zu treten und auf die Dringlichkeit der Lage aufmerksam zu machen, wie die Aktivistinnen und Aktivisten betonen.

Und tatsächlich erregte die Aktion des 25-Jährigen Aufmerksamkeit, schließlich bildete sich ein Stau im Kreisel und blockierte die Fahrspuren in alle Richtungen. Viele Passanten beäugten den Studenten des Ökosystemmanagements in Göttingen neugierig. Die Meinungen waren gespalten: „Ich bin mir nicht sicher, ob diese Art von Protest etwas bringt“, meinte eine Passantin, die nicht namentlich genannt werden wollte. Und ihre Begleiterin ergänzt mit Blick auf die hupenden und teils genervt reagierenden Autofahrer: „Jeder kann selbst entscheiden, wie er etwas verändern möchte, aber man sollte andere dabei nicht verärgern.“ „Spinner“, „Was glaubst du, wer du bist“ waren noch die freundlicheren Ausdrücke, die dem Umweltaktivisten zugerufen wurden.

Die Sitzblockaden sind für die XR-Leute aber nicht ausschließlich dazu da, um Aufmerksamkeit für die Klimaproblematik zu schaffen – sie sind auch Ausdruck ihrer wachsenden Verzweiflung angesichts der Klimakrise und der Untätigkeit der Politik. „Das Thema Klimaschutz bekommt einfach nicht die Beachtung, die es benötigt“, findet Lukas Schnermann. „Rebellion of One“ ist also auch sinnbildlich gemeint: „Man sitzt ganz alleine mit seiner Angst und Verzweiflung da.“

Nach knapp 20 Minuten traf schließlich ein Streifenwagen der Polizei ein. Nachdem der Aktivist der Aufforderung aufzustehen nicht nachkam, wurde er zum Bürgersteig getragen und aufgefordert, die Aktion nicht zu wiederholen. Der Stau löste sich auf.

Gegen 13 Uhr setzte sich Schnermann erneut auf den Zebrastreifen. Ein Verkehrschaos löste der Aktivist dieses Mal nicht aus. Die Autofahrer umfuhren ihn einfach. Nach wenigen Minuten kam ein anderer Streifenwagen. Die Beamten legten dem Aktivisten Handschellen an, trugen ihn zum Auto und nahmen ihn mit.

Um 22 Uhr konnte Schnermann die Wache wieder verlassen. Er erklärte, man habe ihn gut und respektvoll behandelt.

Foto: Karin Printing

Um kurz nach 13 Uhr wurde der gebürtige Velener von der Polizei in Gewahrsam genommen.