In Burlo spinnen sie: Alexandra Galonska (l.) und Judith Leimenkötter.
© Karin Printing
Von Karin Printing
Burlo. Alexandra Galonska aus Burlo pflegt ein besonderes Hobby: Sie sitzt gern am Spinnrad und fertigt ihr eigenes Garn. Gerne möchte sie diese Begeisterung mit anderen teilen. Deswegen sucht das Mitglied des Heimatvereins Burlo-Borkenwirthe Männer und Frauen, um mit ihnen eine Spinner-Gruppe zu gründen. Gesponnen wird dann in den Räumlichkeiten des Heimatvereins in Burlo.
Die Füße treten gleichmäßig aufs Brett, die Räder surren: Langsam füllt sich die Spule mit einem Faden. Geredet wird nicht ganz so viel. „Nimm Zuflucht zum Spinnen, dass dein Geist zur Ruhe kommt“ erklärte einst Ghandi und findet auch Galonska. „Das Spinnen ist einfach beruhigend. Wenn man Stress hat, dann setzt man sich ans Spinnrad – und findet schließlich wieder zu sich selbst“, beschreibt die 51-Jährige ihre Leidenschaft für das Spinnen. Und Judith Leimenkötter, die ihr das Spinnen beigebracht hat, pflichtet ihr bei.
Früher hätte praktisch in jedem Haushalt ein Spinnrad gestanden. Denn neue Kleider kaufen – gab es kaum, und wenn doch, dann waren sie viel zu teuer. Heute werden die Spinnräder oft nur noch zu dekorativen Zwecken aufgestellt, auf Flohmärkten verkauft oder sie wandern ins Museum. Ein altes Sprichwort, dass die Zeit, zu der Spinnräder gebraucht wurden und die damit verbundenen Lebensumstände treffend beschreibt, lautet: „Spinnen am Morgen – Kummer und Sorgen. Spinnen am Abend – erquickend und labend.“ Wer von frühmorgens an schon für seinen Lebensunterhalt spinnen musste, der gehörte zu den Ärmsten, dort waren Kummer und Sorgen zuhause.
Heute sind Handarbeiten keine lästige Pflicht mehr, sondern ein entspannendes und kreatives Hobby, wie es der zweite Teil des Sprichwortes besagt. „Nicht nur in Corona-Zeiten das perfekte Hobby“, findet Galonska. Vor gut einem Jahr hat sie damit angefangen und seitdem lässt sie die Leidenschaft nicht los.
Fingerspitzengefühl und Geduld seien bei diesem Hobby gefragt. „Der Faden entsteht durch Zusammendrehen und gleichzeitiges Verziehen von Einzelfasern“, erklärt sie und Lehrerin Leimenkötter nickt zustimmend. „Hat man erst mal den Dreh raus, dann ist es ein herrliches Gefühl, selbst gesponnene Wolle zu einem Kleidungsstück zu verarbeiten, statt sie zu kaufen.“ Socken, Schal, Westen oder Stuhlstulpen – der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Außer den vielen verschiedenen Schafwollen kann man viele Naturfasern verspinnen oder mischen, wie beispielsweise Angora, Alpaka, Mohair, Hundehaare, Kamelhaar, Ziegenhaar, Seide, Leinen, Baumwolle oder Hanf. Langweilig wird die Arbeit also nicht. „Es ist immer wieder ein Erlebnis, einen Faden entstehen zu sehen, ein eigenes Garn zu entwerfen für einen speziellen Verwendungszweck“, findet die Mutter von vier Kindern.
Bis das Spinnrad gleichmäßig surrt, ist aber einiges zu erledigen: Die Wolle - beispielsweise vom Schaf – muss vorbereitet werden. Das geht so: Nach der Schafschur werden aus dem Vlies die verschmutzten Teile entfernt, Heu und Kletten ausgezupft. Dann wird die Wolle einige Stunden in Regenwasser eingeweicht. „Regenwasser ist das Beste“, weiß die Borkenerin Leimenkötter. In frischem Wasser wird die Wolle anschließend mit etwas Waschmittel erhitzt, bis leicht Dampf aufsteigt. Dadurch löst sich Schmutz und das Wollwachs. Beim Klarspülen muss man darauf achten, dass der Temperaturunterschied des Spülwassers nicht mehr als zehn Grad beträgt, denn ist das Wasser zu heiß, verfilzt das Material.
Danach können die Wollflocken geschleudert werden und trocknen. Je nachdem, ob man ein glänzendes, feines und festes Kammgarn erhalten will, sortiert man schon nach der Schur vom Vlies die Teile mit den schönsten und längsten Wollflocken aus. Diese werden nach dem Waschen und Trocknen mit einer sogenannten „Flickkarde“ oder Wollkämmen zum Spinnen vorbereitet. Die kürzeren Teile des Vlieses kann man vor dem Waschen und Trocknen mit Handkarden oder einem Tischkardiergerät zum Spinnen vorbereiten. Im langen Auszug versponnen ergibt das weiches, luftiges Streichgarn. Ja, und dann geht es an die Verarbeitung.
Wer Interesse hat – egal ob Mann oder Frau, ob Mitglied des Heimatvereins oder nicht – Teil der Spinnergruppe zu werden, darf sich über die E-Mail-Adresse Alex.Galonska-Vivegnis@web.de bei Alexandra Galonska melden. Geringe Vorkenntnisse sind zwar erwünscht, aber auch hier gibt es eine Abhilfe: bei Judith Leimenkötter kann man das alte Handwerk Spinnen erlernen. Kontakt über Galonska.
Die Rohwolle muss kadiert werden.
© Karin Printing
Von Socken über Westen zu Stuhlstulpen: Alles ist möglich. Fotos: Karin Printing
© Karin Printing