Martin K. verteilt mittlerweile Hinweise im ganzen Haus, die seiner an Demenz erkrankten Partnerin den Alltag erleichtern. Foto: Michael Bönte, Caritasverband für die Diözese Münster
Raesfeld (cpm). Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Stopp!“ hängt an der Innenseite der Haustür. Es erinnert daran, dass seine Partnerin das Haus nicht allein verlassen soll. „Sie würde sonst loslaufen, die Orientierung verlieren und nicht mehr nach Hause zurückfinden“, sagt Martin K. aus Raesfeld.
Vor einem Jahr kam sie tatsächlich einmal nicht zurück – erst die Polizei brachte sie nach Hause. Spätestens da wussten beide, dass sich ihr Leben grundlegend verändern würde. „Viel zu früh“, sagt K. Die Diagnose Demenz traf sie, als seine Partnerin gerade 66 Jahre alt war.
Rückblickend hatten die Veränderungen schon Jahre zuvor begonnen. Sie wurde vergesslicher, verlegte Dinge, deckte mitten in der Nacht den Tisch oder ließ Fenster und Türen offen. Anfangs wirkte das alles harmlos. „Kann jedem mal passieren“, dachte Martin K. Damals sprach noch niemand von Demenz. „Dafür war sie zu jung“, hieß es oft.
Doch allmählich häuften sich die Vorfälle. Zunächst konnte sie ihre Arbeit als Raumpflegerin nicht mehr ausführen, später durfte sie kein Auto mehr fahren und verlor schließlich auch die Sicherheit im Umgang mit dem Telefon. Jeder dieser Schritte war ein tiefer Einschnitt.
Erst über eine Ergotherapeutin kam das Paar zur Caritas-Tagespflege nach Raesfeld-Erle. Dort fiel das Wort „Demenz“ zum ersten Mal offen. „Vorher war es nur eine vage Vermutung in meinem Hinterkopf gewesen“, sagt Martin K. Drei Jahre ist das jetzt her – seither hat sich vieles verändert.
Nach Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland mehr als 100.000 Menschen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren mit einer Demenzerkrankung – Tendenz steigend. „Die Situation bringt für die Erkrankten und ihre Familien zusätzliche Herausforderungen“, erklärt Christiane Kröger vom Caritasverband Münster. „Viele stehen mitten im Berufsleben, haben Kinder und familiäre Verpflichtungen.“ Für Paare sei das oft eine enorme Belastung, die Krisen hervorrufen könne.
Für Martin K. ist die Tagespflege in Raesfeld-Erle eine große Stütze geworden. Mit Unterstützung seines Arbeitgebers konnte er seinen Schichtdienst anpassen, damit seine Partnerin nicht allein bleibt. „Dort bereiteten sie mich auch auf den weiteren Verlauf der Demenz vor“, sagt er. Das hilft – und doch stößt er immer wieder an Grenzen.
Nach mehr als 30 Jahren Partnerschaft beschreibt er den gemeinsamen Weg heute als stetiges Abschiednehmen. „Es ist mittlerweile ein fast tägliches, kleines Abschiednehmen“, sagt er leise. Überall im Haus hat er kleine Zettel angebracht: „Du brauchst heute nirgendwo hin“ oder „Ich bin um 16.30 Uhr zurück“. Diese Notizen geben Struktur – und Halt.
Doch Martin K. weiß auch, dass sie eines Tages nicht mehr ausreichen werden. „Mittlerweile weiß ich ja, was auf uns zukommen wird“, sagt er. Einen Heimplatz hat er bereits angefragt – ein Schritt, der ihm nicht leichtfällt, aber notwendig ist, um mit der Krankheit Schritt zu halten.