Münsterland

„Kosmos des Lebens“

28.06.2026

Annelise Kretschmer: Bildnis von Christiane Kretschmer, um 1965.©Nachlass Annelise Kretschmer, LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster

Annelise Kretschmer: Bildnis von Christiane Kretschmer, um 1965. ©Nachlass Annelise Kretschmer, LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster

Dorsten. Mit der Wanderausstellung „Kosmos des Lebens. Die Fotografin Annelise Kretschmer“ widmet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe einer der bedeutendsten deutschen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts eine umfassende Würdigung. Ab dem 28. Juni ist die Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten zu sehen.

Die Dortmunderin Annelise Kretschmer (1903– 1987) gehörte zu den ersten Frauen in Deutschland, die ein eigenes Fotoatelier führten. Bereits in den späten 1920er Jahren erlangte sie internationale Anerkennung, insbesondere für ihre eindringlichen Porträtaufnahmen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem auf der renommierten Ausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart gezeigt und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Kretschmers Karriere wurde jedoch durch die nationalsozialistische Verfolgung jäh unterbrochen. Als Tochter eines jüdischen Vaters galt sie als sogenannte „Halbjüdin“ und wurde aus der „Gesellschaft Deutscher Lichtbildner“ ausgeschlossen. Ihre beruflichen Möglichkeiten waren ab 1933 stark eingeschränkt, dennoch legte sie 1936 ihre Meisterprüfung ab. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs floh sie mit ihrer Familie vor den Bombenangriffen aus Dortmund und lebte zeitweise in der Nähe von Freiburg.

Nach Kriegsende kehrte Kretschmer nach Dortmund zurück und eröffnete ihr Atelier erneut. Schnell etablierte sie sich wieder als feste Größe im kulturellen Leben der Stadt. Im Laufe ihrer Karriere porträtierte sie ein breites Spektrum von Menschen – darunter Frauen, Kinder, Künstlerinnen und Künstler, Industrielle, Wissenschaftler sowie Arbeiter.

Künstlerisch geprägt wurde ihr Werk von den Strömungen der Weimarer Republik, insbesondere der Neuen Sachlichkeit und dem Bauhaus. Dennoch entwickelte Kretschmer eine unverwechselbare Bildsprache: Ihre Fotografien zeichnen sich durch Klarheit, Präzision und eine besondere Nähe zu den Porträtierten aus. Es gelingt ihr, die Persönlichkeit ihrer Modelle unmittelbar sichtbar zu machen und eine direkte Verbindung zwischen Bild und Betrachter herzustellen. Die Ausstellung in Dorsten präsentiert rund 60 Reproduktionen aus dem Bestand des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster sowie acht Vintage-Prints aus dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund. Sie gibt damit einen umfassenden Einblick in Leben und Werk einer Fotografin, deren Bilder bis heute durch ihre Ausdruckskraft und Modernität beeindrucken.