Menschen mit Behinderung eine Stimme geben

Sie haben viel zu sagen: Im Projekt „Podcast: Zugehört“ erzählen Menschen im Alter von 27 bis 52 Jahren von ihrem Alltag, aus der Arbeit und ihrer Freizeit.
 
Teilnehmer Reinhard kritisiert ungenutztes Arbeitspotential.
Kreis Borken (mtg). Fünf angehende Heilerzieherinnen des Berufskollegs Lise Meitner in Stadtlohn hatten ein Ziel: Menschen mit Behinderung eine Stimme zu geben. Gesagt. Getan. Sophia Thöne, Irina Schmidt, Steffi Fonnemann, Sarah Everding und Lena Felscher riefen das Projekt „Podcast: Zugehört“ ins Leben. Ein Hörstück mit fünf Folgen, je drei bis vier Minuten lang. Kurz. Mit einem langen Nachhall. Darin kommen vier Menschen mit Behinderung zu Wort. Sie sind zwischen 27 und 52 Jahre alt.

Eine kurze Melodie ertönt zu Beginn, daraufhin eine Frage: „Warum lassen wir das Potential von Millionen Menschen ungenutzt?“ So berichtet Teilnehmer Reinhard, dass es in Deutschland zehn Millionen Menschen mit Behinderung gibt: „Nur die wenigsten davon haben Zugang zum ersten Arbeitsmarkt“, kritisiert er. Mittlerweile hat er seinen Traumjob als Gärtner gefunden. „Für mich ist es eine gute Lösung, aber wo bleibt für andere die Inklusion?“, fragt der 52-Jährige.

„Viele Talente bleiben ungenutzt.“ Die Gesellschaft und Arbeitgeber müssten sich noch weiter öffnen, um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. „Wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, zu arbeiten, bekommen Arbeitgeber nicht nur hochmotivierte Mitarbeiter“, sagt Reinhard. Sie sind auch sehr dankbar und identifizieren sich mit dem Unternehmen.

Er würde sich mehr flexible Arbeitsmodelle wünschen, die an die Krankheiten angepasst sind. Gutes Personal, das Menschen mit Behinderung begleitet und Arbeitgeber berät. „Menschen mit Behinderung sind eine Bereicherung für die Gesellschaft“, sagt er. Zeit, dass die Gesellschaft ihnen zuhört. Was sie zu sagen haben, macht nachdenklich. Sie sind ehrlich und authentisch. Sprechen über Dinge des Lebens: Andrea will nach langer Zeit wieder Autofahren, Mike erzählt von seinem Hobby, der Photografie vergessener Orte. Lena übernimmt neben ihrem Beruf die volle Verantwortung für ihre zwei Katzen Chiara und Luna.

Sie alle sprechen von mehr Unabhängigkeit trotz Einschränkung.

Daher wird es Zeit, hinzuhören: „Nach wie vor sehen wir eine Stigmatisierung in der Gesellschaft“, sagt Mitinitiatorin Sophia Thöne. Mit dem Projekt wollen sie einen Anstoß geben. „Wir können nicht die Welt verändern, aber das Thema anschubsen und einen kleinen Stich in die Seiten geben“, betont sie.

In nur vier Wochen war alles fertig: „Wir waren mit Nerven, Herz, Schweiß und langen Diskussionen dabei. Doch es hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Irina Schmidt.

So gehen die einzelnen Beiträge in die Tiefe, kratzen trotz Kürze nicht nur an der Oberfläche und kommen schnell zur Sache.

„Es ist für jeden etwas dabei“, sind sich die angehenden Heilerzieherinnen einig. Zuhörern wird das ein oder andere vielleicht vertraut vorkommen, an anderer Stelle können sie ihren Horizont erweitern und neue Perspektiven einnehmen.

Alle Episoden räumen auf mit den Vorurteilen, hinterfragen verstaubte Gedanken und Blickwinkel. Am Ende jeder Episode wird gefragt: „Und du? Was denkst du dazu?“



Mit einem Podcast, einem Hörstück als auditives Medium ist es jedem möglich, seine Gedanken und Ansichten mit der Welt zu teilen.

Fünf angehende Heilerzieherinnen sahen im Podcast ihre Chance, Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit eine Stimme zu geben. Die Projektteilnehmer meldeten sich nach einem Aufruf freiwillig und kamen aus dem Kreis Borken – von Schöppingen über Ahaus bis Bocholt. Sie leben in ambulanten und stationären Wohnangeboten der Eingliederungshilfe und sprechen über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Mit dem Schulprojekt möchten die Studierenden darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung ähnliche Probleme im Leben, sowie Hobbys und Freizeit haben, wie jeder andere. Berührungsängste sollen abgebaut, Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden. So besteht auch eine Kooperation mit dem Radiosender WMW, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Wer selbst reinhören, hinhören und zuhören möchte: Die fünf Episoden sind unter zugehoert-mmb.jimdofree.com, und bei Musikanbietern wie Spotify, Deezer und iTunes abrufbar.

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