Am anderen Ende sitzt die Einsamkeit: Ehrenamtlicher Einsatz bei der Telefonseelsorge

Was, wenn am Heiligabend keiner da ist? Die Telefonseelsorge hilft. Telefonnummer: 0800/111 0 111 oder 0800/ 111 0 222. Chatberatung unter: online.telefonseelsorge.de. Foto: mtg
 
Günter Taler arbeitet seit 19 Jahren ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge. Foto: mtg
  • Arbeit, die an Feiertagen nicht ruht: Günter Taler* ist seit 19 Jahren bei der Telefonseelsorge Niederrhein/Westmünsterland. Er erzählt von seinem Einsatz an den Feiertagen. Mit ihm gibt es über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter, auch aus dem Kreis Borken. 

Kreis Borken (mtg). Weihnachten – Licht erstrahlt aus den Häusern. Was sich hinter den Türen und Fenstern abspielt, bleibt im Dunkeln. Verborgen. Unsichtbar. Im Schein der Lichter werden die Schatten ausgeblendet.

Die Gesellschaft gaukelt sich in der Weihnachtszeit eine heile Welt vor. Eine utopische Version einer „Welt, wie sie sein könnte“. Manche Menschen stehen vor allem dann, in der dunklen Jahreszeit, vor einem Abgrund aus Einsamkeit, Armut, Sorgen, Ängsten und Nöten.
„Probleme, die manch ein Mensch ohnehin mit sich trägt, nehmen um die Weihnachtszeit in ihrer Intensität zu“, betont Telefonseelsorger Günther Taler*. „So wie ich es über Weihnachten erlebe, rufen uns nicht mehr Menschen an als sonst, aber die Gespräche sind intensiver“, sagt er. Die Themen bewegen sich zwischen Sehnsüchten und Konflikten. Ohnmacht aber auch Hoffnung.

Seit 19 Jahren arbeitet er bei der Telefonseelsorge Niederrhein/Westmünsterland mit Sitz in Wesel. Jedes Jahr ist er über die Feiertage mindestens an einem Tag im Einsatz, hört Menschen aller Altersklassen und Schichten zu. „Hier wird einem erst bewusst, wie groß die Einsamkeit in Deutschland ist“, bemerkt er. „Vielleicht bin ich der Einzige, mit dem dieser Mensch am Tag gesprochen hat“, meint er.„Derjenige, der anruft, will sprechen“, meint Günther.

Er hört zu, wo viele weghören. Oft sagt er zwanzig Minuten lang nichts. Schweigt, nimmt sich zurück und lässt den Menschen zu Wort kommen, der ihn anruft. Hinter vielen Anrufen verbirgt sich ein Hilferuf. Doch Günther spürt: „Wenn der Anrufer sprechen will, dann haben wir eine Chance“. Dann sei der Anrufer noch auf der Suche nach Lösungen und hat noch nicht aufgegeben. Warum Günther Taler sich ans Telefon setzt und zuhört? „Es macht Freude. Ich kann anderen Menschen mein offenes Ohr schenken“, sagt er begeistert. „Um sie zu begleiten, nicht aber, um als Berater Probleme für sie zu lösen“, erklärt er. Damit sich jeder offen aussprechen kann, spielen Namen keine Rolle. Alles bleibt stets anonym, daher möchte Günther Taler seinen richtigen Namen nicht nennen. Nur so viel sei verraten: Er kommt aus der Region, hatte eine Leitungsfunktion im Beruf und ist jetzt Rentner.

Oft rufen Menschen mit psychischen Problemen an. Sie leiden unter Depression, Alkoholismus und anderen Süchten. Nie weiß er, wer anrufen wird.„Wenn wir den Hörer auflegen, wissen wir nicht was passiert“, sagt er. Doch damit kommt er gut klar. „Bei mir ist immer ein Lächeln in der Stimme“. Ehrlich und authentisch hört er zu. Und manchmal hört er am Ende des Gesprächs sogar ein leises Lachen heraus. Das gibt ihm ein gutes Gefühl.

In seiner Anfangszeit wurde der Hörer öfter aufgelegt. Dann hinterfragt er sich, reflektiert das Gespräch und wird zum Nachdenken angeregt. Doch mittlerweile passiert es ihm nicht mehr oft, dass jemand auflegt. Den Spaß hat er über die Jahre nicht verloren. Seine Frau sieht ihm schon an, wenn er sich auf den Weg zur Telefonseelsorge macht.

„Du strahlst ja so“, sagt sie dann. Durch seine ehrenamtliche Arbeit habe er sich selber weiterentwickelt und mehr über sich und auch sein Leben erfahren. Sein Ehrenamt habe ihn achtsam und demütig werden lassen. Manchmal wird er mit seinem eigenen Leben konfrontiert. So spielte das Thema Suizid in seinem unmittelbaren, nahen Umfeld eine große Rolle.

Er brauchte drei Anläufe, bis er den Schritt als Telefonseelsorger wagte. Bekannte sagten ihm damals: „Du hast dich verändert“. Günther hat keinem etwas von seiner Arbeit gesagt, lächelt nur in sich hinein und merkt: „Man wird empfänglicher für die Probleme dieser Welt, bleibt geerdet, hebt nicht ab und bleibt stramm an der Realität“.

Weitere Infos gibt’s auf der Internetseite der Telefonseelsorge.

* Name von der Redaktion geändert

Wer selbst aktiv werden möchte, im Frühjahr 2020 beginnen neue Ausbildungskurse zum Telefonseelsorger: Zum Artikel geht’s hier lang
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