Demenz: Hilfe im Kampf gegen das Vergessen

Anke Schwöppe ist Leiterin der Pflegeberatung für Demenz bei der Caritas.
 
Wohin mit Fernbedienung, Schere, und Co.? Menschen, die an Demenz erkrankt sind, vergessen einfache Abläufe.Im Symbolbild landet die Brille kurzerhand im Kühlschrank. Foto: mtg
Anke Schwöppe gibt Angehörigen Tipps, was getan werden kann





Kreis Borken (mtg). Der Wasserhahn läuft. Elke Pauschke* (80) aus dem Raum Borken denkt, er ist undicht. Ihr Sohn kommt vorbei, dreht den Hahn zu. Für Silke unbegreiflich, war der Hahn doch kaputt. Sie ist an Demenz erkrankt. Eine Diagnose, die ihr Leben verändert hat.

Elke spürt, dass etwas nicht stimmt. Erinnerungen bleiben aus, andere sind sofort da. Wie ihr geht es vielen in Deutschland: Rund 1,7 Millionen Menschen sind an Demenz erkrankt. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft kommen jährlich etwa 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Plötzlich sind Mutter, Vater oder der Partner nicht mehr die, die sie immer waren. Erste Anzeichen der Krankheit sind unspezifisch: Vom sozialen Rückzug über Antriebsarmut bis hin zur völligen Desorientierung im Endstadium. Sie vergessen mehr und mehr: „Wie, wir hatten einen Termin?“ Fragen, auf die das Gedächtnis keine Antwort mehr weiß.

Betroffene haben zunehmend Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen, Notizzettel und Merkhilfen zu nutzen. Sie legen die Brille in den Kühlschrank, lassen Hobbys wie das wöchentliche Singen im Chor ausfallen. So wie auch Elke. Schon kleine Aufgaben bereiten ihr oft große Mühen. Handlungsketten geraten ins Stocken.

Manch ein Tag verläuft gut. Alles verläuft scheinbar wie immer. An einem anderen Tag funktioniert nichts mehr: Dann vergisst Elke das Portemonnaie an der Kasse, findet nicht allein den Weg nach Hause und fragt Nachbarn, wo sie wohnt. Sie räumt das Gefrierfach aus, macht es sauber, während das gefrorene Fleisch auftaut und nicht mehr nutzbar ist. Als ihr Sohn kommt, versteht sie nicht, dass er die aufgetauten Lebensmittel wegwirft und wird sauer.

Angehörige fragen sich oft: „Warum verhält sich meine Mutter so?“ Schnell treten Missverständnisse auf, weil Emotionen auf beiden Seiten aufkochen. Erkrankte sind davon überzeugt, dass sie richtig handeln. „Weil es aus ihrer Sicht so ist“, sagt Anke Schwöppe, Leiterin der Pflegeberatung für Demenz von der Pflegewerkstatt der Caritas. Sie berät Angehörige, die auf sie zukommen.

Doch was tun, damit es besser wird? „Ein erster Anreiz muss von Außen kommen“, betont die Pflegepädagogin der Caritas. Oft kommen die Menschen erst, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist. „Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen viel früher auf den Weg machen“, sagt sie. Bei Betroffenen ist die Angst groß, ihr Leben nicht mehr selbst steuern zu können. Sie schieben die Krankheit von sich. „Nach wie vor ist Demenz ein Tabu-Thema und sehr schambesetzt“, betont die Pflegeberaterin. Sobald das Eigene verloren geht, wird’s schwierig.“ Die Krankheit bringe einen Identitätsverlust mit sich, der das Leben und die Beziehungen beeinflusst. Jeder Verlauf ist individuell. „Demenz ist eine Diagnose der ganzen Familie“, erklärt die Expertin weiter. Daher sei vor allem auch Verständnis für die Erkrankung wichtig, um Missverständnisse wie verbale Angriffe nicht persönlich zu nehmen.

Ziel ist immer, den Betroffenen so viele gute Tage wie möglich zu verschaffen und ihre Lebensqualität auf einem hohen Niveau zu erhalten. Dies könne durch eine angepasste Umgebung und Orientierungshilfen gelingen. Demenz verursacht ein verändertes Verhalten der Betroffenen. Dennoch müsse nicht alles, was mit Demenz zu tun hat, dramatisiert werden. Manchmal hört Anke Schwöppe schöne Geschichten. Über die emotionale Annäherung zwischen Angehörigen und Betroffenen. Beziehungen, die zuvor ein Leben lang nicht funktioniert haben. Da ist zum Beispiel die Tochter, die zu ihrem Vater immer ein kühles Verhältnis hatte. Mit der Demenz wurde er herzlicher. „Ihr als Tochter hat das gut getan. Sie hat dadurch ihren Frieden mit ihrem Vater gefunden“, erinnert sich Anke Schwöppe.


Kontakt: Anke Schwöppe ist Leiterin der Pflegeberatung Demenz, zuständig für Angehörige in Gescher, erreichbar unter cpg-beratung@caritas-borken.de und Tel. 02542-955 519 30; Weitere Ansprechpartner für das Gebiet in und um Borken finden Angehörige unter dem Kurzlink der Pflegewerkstatt https://bit.ly/2M03kwn (*Name von der Redaktion geändert).






Gesunde Ernährung bei Demenz


Ein großes Thema spielt bei der Demenz auch die Ernährung. Manche Menschen essen kaum noch was, andere haben kein Sättigungsgefühl und essen mehr, als ihnen gut tut.

Gefährdet sind hier vor allem Menschen mit Diabetes und Gewichtsproblemen. So gibt es speziell für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen eine Ernährungsberatung, in der es um das veränderte Essverhalten geht. Sabine Mört ist Ernährungsberaterin für gesunde Lebensführung der Caritas Borken und erklärt, wie Erkrankte eine gesunde Lebensführung mit den notwendigen Nährstoffen erhalten können. So muss ab einem bestimmten Zeitpunkt der Herd abgestellt werden, wenn die Erkrankten vergessen, diesen auszustellen.

Weitere Infos und Tipps zum Thema Ernährung bekommen Angehörige bei Sabine Mört unter cpg-tp-hws@caritas-borken.de oder 02542-955 51961




Kostenlose Schulungen für Angehörige


Angehörige stehen häufig vor einer schwierigen Situation. Hilfsangebote und Schulungskurse für Angehörige bietet die Caritas in regelmäßigen Abständen an. Wer sich um einen pflegebedürftigen Menschen mit Demenz kümmert oder sich frühzeitig auf eine solche Situation vorbereiten möchte: In den Kursen geht es um Themen wie das Erkrankungsbild, den Umgang mit veränderten Verhaltensweisen, um Kommunikation und Beschäftigung.

Des Weiteren werden Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige aufgezeigt und Fragen der Finanzierung geklärt. Eine Teilnahme ist kostenlos. Termine, Infos und Anmeldungen erteilt die Caritas Borken unter Tel. 02861-945 810 und info@caritas-borken.de.

Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.