Lokales

Wenn Kinder in Not sind

Freitag, 3. September 2021 - 09:30 Uhr

von Claudia Hieby

Foto: SYSTEM

Corinna Assing ist bei der Evangelischen Jugendhilfe zusammen mit einer Kollegin für die Bereitschaftspflege-Familien zuständig. Foto: hie

Kreis Borken (hie). „Uns kann so schnell nichts umhauen“, das sagt Verena P. aus dem Kreis Borken. Ihr Name ist der Redaktion bekannt, wo sie genau wohnt muss aus Sicherheitsgründen geheim bleiben. Denn Verena P. ist mit ihrem Mann und zwei Töchtern im Grundschulalter eine Bereitschaftspflege-Familie. Das heißt: Sie nimmt im Auftrag der Evangelischen Jugendhilfe mit Sitz in Gescher immer wieder kurzfristig ein Kind zwischen 0 und 10 Jahren auf, das vom Jugendamt aus der eigenen Familie herausgenommen werden muss. Gründe können Überforderung der leiblichen Eltern sein, Missbrauch, Misshandlungen, Vernachlässigungen oder auch eine psychische Erkrankung der Eltern oder eine Haftstrafe eines alleinerziehenden Elternteils. Die Bereitschaftspflegefamilie dient dann als Schutz- und Schonraum, damit das Kind sich entwickeln kann.

Keine leichte Aufgabe für Familie P., denn die Kinder kommen oft sehr kurzfristig und – wenn sie sehr klein sind – weiß man wenig über das, was sie schon durchmachen mussten. „Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich oft erst bei uns in der Familie“, sagt Verena P. „Man muss flexibel sein und nehmen was kommt.“

Eigentlich hat die 39-Jährige einen kaufmännischen Beruf erlernt. Nach ersten Erfahrungen als Tagesmutter kam mit den eigenen Kindern aber der Cut. „Ich wollte etwas Gutes und Sinnvolles tun“. Durch ein Pflegekind im Bekanntenkreis und einen Infoabend der Evangelischen Jugendhilfe wurde sie auf die Möglichkeit der Kurzzeitpflege aufmerksam. Es folgten neben den Vorbereitungskursen der Evangelischen Jugendhilfe viele Gespräche mit ihrem Mann. Denn: „Das kann man nur mit dem Partner machen“, sagt Verena P. Beide hätten sich dadurch noch besser kennengelernt und auch in extremen Stresssituationen als Paar bewährt.

Auch die beiden Töchter wurden von Anfang an einbezogen, denn sie müssen, ganz klar, zurückstecken, wenn ein neues Kind in die Familie kommt, das viel Aufmerksamkeit erfordert. Gerade am Anfang gibt es viele Termine: Dazu gehören Arztbesuche, Therapie, Logopädie und auch der regelmäßige Kontakt zu den leiblichen Eltern. Treffen finden auf neutralem Boden in den Räumlichkeiten der Evangelischen Jugendhilfe in Gescher statt. Dort gibt es ein Spielzimmer für kleinere Kinder, ein Jugendzimmer und die professionelle Begleitung durch Corinna Assing und Nicole Rüther. Die beiden Frauen sind Ansprechpartnerinnen für die Inobhutnahme und Bereitschaftspflege in der Region und auch für die Suche und Ausbildung neuer Bereitschaftspflege-Familien zuständig. „Man braucht dafür keine pädagogische Ausbildung“, sagt Corinna Assing. Wichtig sei es, den Kindern viel Zeit und einen normalen Alltag mit Ritualen und regelmäßigen Mahlzeiten zu bieten. Nicht nur Familien seien für diese Aufgabe geeignet, auch Einzelpersonen können sich melden. Manchmal verändere es schon viel, wenn jemand einfach nur da sei und sich kümmere.

Dass der ganz normale Tagesablauf mit Kindern Sicherheit gibt und sehr heilsam ist hat Verena P. erlebt. Eines der Pflegekinder habe zunächst auf dem Boden hinter der Gardine schlafen wollen, sich von den großen „Schwestern“ aber schnell abgeguckt, dass es auch anders geht. „Meine Kinder haben sich durch die Gastgeschwister zwischenmenschlich sehr weiterentwickelt“, sagt Verena P. Sie ist stolz auf ihre Töchter, die sehr sozial sind und gerne helfen.

Zwiespältig sind die Gefühle, wenn das Pflegekind die Familie wieder verlässt. Entweder, um zu den leiblichen Eltern zurückzukehren oder um in eine Dauer-Pflegefamilie zu wechseln. „Natürlich bin ich traurig, wenn ein Kind, das sehr viel Kraft, Energie und Liebe gekostet hat, uns wieder verlässt“, sagt Verena P. Auf der anderen Seite freue sie sich aber, wenn für das Kind eine dauerhafte Lösung gefunden werde, in der es gut aufgehoben sei. „Man muss loslassen können“, sagt Verena P. und freut sich, dass sie sich für eine gewisse Zeit auf die eigene Familie konzentrieren kann. Bis das nächste Kind kommt.

Die Evangelische . Jugendhilfe sucht im Umkreis von rund 100 Kilometern Familien und Einzelpersonen, die sich ebenfalls vorstellen können, ein Kind auf Zeit aufzunehmen. Infos dazu findet man unter www.ev-jugendhilfe.de oder bei Corinna Assing, 0171/3867589, und Nicole Rüther, 0151/17478739.