Michael Kleiner, Jahrgang 1952, hat viel zu erzählen über seine Familiengeschichte.
© Claudia Hieby
Velen. In seinem Vortrag zum „Tag der Archive“ am Samstag, 7. März, im Bürgersaal des Rathauses Velen erzählt Michael Kleiner die Geschichte seiner Familie – vom Verlust Schlesiens bis zum Neubeginn im Münsterland, ein typisches Schicksal vieler Vertriebenenfamilien. Seine persönliche Haltung dazu bringt er nüchtern auf den Punkt: „Mir ist alles wurst, wenn ich mit den Menschen klarkomme.“
Eine Familiensaga von Verlust und Neubeginn
Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Michael Kleiners Eltern als Vertriebene aus Schlesien in Velen eine neue Heimat. Die Mutter, geboren 1913, war mit ihren Eltern geflohen; der Großvater starb unterwegs, und sie kam nur mit ihrer Mutter in Maria Veen an. In der dortigen Auffangstelle lernte sie ihren späteren Schwager und dessen Familie kennen – das ähnliche Schicksal schuf sofort eine enge, tragende Bindung. Der Vater stammte aus Breslau und kam 1948 ins Münsterland, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte; 1951 wurde geheiratet. „Was sie verband, war auch das gemeinsame Verlieren der alten Heimat“, sagt Kleiner. Schon 1959 baute die Familie ein Haus – den ersten Bungalow in Velen, eine kleine Sensation. „Am Wochenende fuhren die Leute vorbei, um sich das anzusehen“, erinnert er sich lachend und verweist auf seinen Artikel im Kreisjahrbuch: „Das belegt, dass sie endgültig angekommen und verwurzelt waren.“
Vorfahren mit Wanderlust
Die weit verzweigte Familiengeschichte der Kleiners reicht weit zurück: Schon um 1850 war ein Teil der Familie aus dem Saarland nach Schlesien gezogen – wegen des Kohlebergbaus und des aufstrebenden Handels. In der Familie gab es Hüttenmeister und einen Handelsreisenden in einer Lebensmittelgroßhandlung, der bis nach Sankt Petersburg unterwegs war. „Sie sind durchs halbe Römische Reich Deutscher Nation gezogen“, sagt Kleiner über diese Mobilität. Der mütterliche Großvater hielt vieles schriftlich fest, sodass bis heute wertvolle Unterlagen erhalten geblieben sind.
Vom Ruder-Champion zum Betriebsschlosser
Besonders stolz ist Kleiner auf seinen Vater, Jahrgang 1916: Deutscher und Europameister im Vierer mit Steuermann, trainierte er bei Kriegsbeginn 1939 eigentlich für die nächsten Olympischen Spiele. Nach der Kriegsgefangenschaft in Russland arbeitete er als Betriebsschlosser in den Chemischen Werken in Marl; Kleiner stieß später auf seine Entnazifizierungsakte. Zu Hause sprach der Vater wenig über die Vergangenheit, stattdessen integrierten sich die Eltern mit pragmatischer Haltung: „Sie haben sich reingefunden, ohne ständig Sehnsucht nach Verlorenem zu zeigen.“ Die Leidenschaft fürs Rudern ist ihm allerdings ein Leben lang geblieben, er hat sich auch nach dem Krieg mit alten Ruderfreunden getroffen.
„Es kommt auf die Menschen an“
Michael Kleiner selbst hat keine Flucht erlebt. Aufgewachsen in Velen, fühlte er sich dort nie fremd: „Ich wurde sofort aufgenommen, verbrachte viel Zeit auf dem Bauernhof eines Freundes“, erzählt er. Auch in seiner Ehe spielte Herkunft keine Rolle – sein Schwiegervater mit zehn Kindern hatte keine Bedenken wegen des „Zugezogenen“. Kleiner arbeitete Jahrzehnte als Standesbeamter in Ramsdorf und ist Vater von vier Kindern. „Die Welt ist bunter geworden, dem muss man sich auch stellen“, sagt er. Heute fasst er seine Erfahrung so zusammen: „Es kommt auf die Menschen an und darauf, wie man miteinander klarkommt.“
Am Samstag, 7. März, lädt das Stadtarchiv Velen von 11 bis 14 Uhr zum „Tag der Archive“ ein. Zum Auftakt wird die Arbeitsweise des Archivs vorgestellt, anschließend berichtet Michael Kleiner im Bürgersaal des Rathauses über seine Familiengeschichte.